Erlebnisse zur Herbstwanderung – Ein Bericht von Roland Dietrich

Stille Tage am Bodensee

Ein Folkeboot ist kein Kontrabass

Wer am Bodensee lebt oder auch einmal in der kalten Jahreszeit dort ist, kennt das gut: während über dem See dichter Nebel liegt, muss man nur einhundert Meter hoch spazieren um den schönsten Sonnenschein zu erleben. Stefan Ganter hatte uns zu einer Wanderung eingeladen, über einen steilen Geologielehrpfad zum Haldenhof über Sipplingen, wo wir unter strahlend blauem Himmel zum Mittagessen angekündigt waren. Neben den Schautafeln am Weg konnte Stefan als studierter Geologe noch einiges zu der Entstehungsgeschichte des Sees beitragen. Erstaunlich, dass der Bodensee einmal so viel größer war (schade!) und in der langen Zeit seines Wandels in die Donau abgeflossen ist. Das ist eine Ewigkeit her, die Zeiträume kann man sich bei Betrachtung der Zahlen ohnehin nicht vorstellen. Noch erstaunlicher ist jedoch die Erkenntnis, dass hier früher Krokodile lebten. ‚Na ja,’ denke ich, ‚die Badesaison ist sowieso schon vorbei.’

Zurück am See, so gegen 15:00 Uhr, war unten noch „alles dicht“. Erst jetzt zeichneten sich allmählich die Silhouetten der Boote ab, die in Ufernähe an der Boje lagen, alle schon mit gelegten Masten, bereit für den Kran. Noch ein Eis am Strandcafé in Sipplingen, dann hieß es Abschied nehmen bis zu den wenigen Treffen in der Winterzeit.

Die anderen waren mit dem Auto da, ich hatte mich am Tag davor bei Windstärke eins minus mit dem Folkeboot bis Sipplingen durchgeschlagen. Jetzt machte ich mich bei völliger Flaute an den Rückweg. Der letzte funktionierende Akku (von ursprünglich dreien) sollte mich zumindest bis nach Überlingen bringen. Die Sonne hatte sich inzwischen ganz durchgesetzt und es war herrlich warm. Sonnenuntergang laut „Konstanzer Bote“ 18:37 Uhr. Aber hinter dem Bodanrück verschwand sie schon eine halbe Stunde früher. Mir blieben gut zwei Stunden für die geplante Strecke. Der See lag bleiern da, kein Windhauch war zu spüren. Am Nordufer westlich von Sipplingen ist die Wasserentnahmestelle für die Trinkwasserversorgung eines Gebiets, welches bis nach Stuttgart und darüber hinaus reicht. Hier ist das Befahren der Uferzone verboten. Vier rot-weiße Tonnen grenzen das Sperrgebiet in einem weiten Halbkreisbogen ab. Ich wollte keinen allzu großen Umweg fahren. Die ersten beiden Tonnen hatte ich regelkonform passiert, die vierte lag ebenfalls landseitig von meinem Kurs. Nur die dritte hatte ich in geringem Abstand seeseitig liegen lassen. Auf dem See war außer mir niemand unterwegs. Das heißt, fast niemand, denn plötzlich war da das Boot der Wasserschutzpolizei, und mir wurde schnell klar, dass meine „Moltina“ das Ziel war. Das Polizeiboot ging längsseits. „Wir würden gerne Ihre Bootspapiere sehen und Ihren Bootsführerschein.“ Ich hätte es mir denken können! „Hören Sie“, sagte ich, „Sie erwischen mich jetzt ganz kalt. Das Boot war in dieser Saison lange an der Ostsee, und die Papiere hatte ich im Auto, und da sind sie jetzt leider immer noch. Ich habe sie nicht mit an Bord genommen, denn das Boot kommt in wenigen Tagen sowieso aus dem Wasser.“  „Dann zeigen Sie uns doch bitte Ihr Bodenseeschifferpatent.“ Ich konnte alle möglichen Segelscheine bis zum SSS und zwei Funksprechzeugnissen vorlegen, nur nicht das gewünschte Papier. „Wann haben Sie denn die Prüfung abgelegt?“ „Neunzehnhundersiebenundneunzig.“ „Und wo?“ „In Friedrichshafen.“ „Na, mal sehen, aber ich weiß nicht, ob die Einträge so weit zurück reichen.“

Währen der Ältere der beiden Polizisten nun für zehn Minuten am Bordtelefon spricht, hält der Jüngere die „Moltina“ am Want fest. Prüfend wackelt er an dem Drahtseil in seiner Hand. „Eigentlich brauchen Sie gar kein Bodenseeschifferpatent, solange Sie nur mit dem kleinen Elektromotor unterwegs sind“ sagt er zu mir. „Und segeln können Sie ja mit dem Boot sowieso nicht, bei den losen Wanten!“ Da das Gespräch bis dahin sehr freundlich verlaufen ist, erspare ich mir die Bemerkung „Das ist kein Kontrabass, das ist ein Folkeboot“. Stattdessen lasse ich es mit den Worten „Das gehört sich so!“ gut sein. Aus seinem Blick entnehme ich, dass er mich längst für einen hoffnungslosen Ignoranten ansieht, sowohl was das Regelwerk der Bodenseeschifffahrt angeht, als auch das Segeln selbst. Inzwischen hat sein Kollege den Hörer aufgelegt und kommt nach draußen. „Neunzehnhundertsechsundneunzig.“ „Konstanz.“ Ich denke daran, wie lange das zurückliegt und dass ich vielleicht noch einmal im Lehrbuch blättern sollte. Das hat aber unsere Nichte seit drei Jahren in ihrem Regal, und sie „kommt einfach nicht dazu, einmal die Prüfung zu machen“. Er klärt mich auf. „Zu den damaligen Zeiten hätten Sie mit Ihrem Boot durchfahren dürfen, da waren die Tonnen noch gelb und die Sperrung galt nur für Boote mit Verbrennungsmotor. Aber seit dem Giftanschlag auf die Trinkwasserversorgung hat man das geändert. Jetzt haben Sie eine Ordnungswidrigkeit begangen. Sehen Sie dort am Ufer die Radaranlage? Die hat Sie erfasst. Das löst automatisch einen Alarm aus und wir werden dann verständigt und müssen Sie aufbringen. Sind Sie mit einem Verwarnungsgeld von vierzig Euro einverstanden?“ Obwohl ich – abgesehen von einem halben Liter Spiritus für den Campingkocher – keinerlei Gifte an Bord habe, nicke ich schuldbewusst, gelobe Besserung und bedanke mich für die Auffrischung meiner Regelkenntnisse. Wir verabschieden uns wie alte Kameraden und der Akku bringt mich bei Dunkelheit in den Überlinger Osthafen.

Tee kochen vertreibt Nebel

Tags darauf habe ich eine größere Strecke vor mir. Der Akku wurde über Nacht voll geladen und ich gehe bei dichtem Nebel aus dem Hafen. Mit Kursdreieck habe ich in der Karte den Kurs abgesteckt und fahre nur nach Kompass. Geschätzte Geschwindigkeit eineinhalb Knoten. Nach zwei Stunden lege ich einen Stopp ein, nach meiner Berechnung müsste ich irgendwo vor Unteruhldingen liegen. Aber ich sollte es schon genauer wissen, also warte ich ab und koche mir erst einmal einen Tee. Während ich das wärmende Getränk genieße, verschwindet der Nebel in erstaunlicher Geschwindigkeit und nur zweihundert Meter neben mir liegt der Hafen Uhldingen. Jetzt kommt auch etwas Wind auf und bis zum Abend schaffe ich es bis nach Staad. So habe ich wenigstens die Fährstrecke Konstanz- Meersburg hinter mir.

Tags darauf steht die Strecke nach Altnau bevor und ich fahre noch früher los. Sichtweite zwanzig Meter. Jetzt muss ich auch mit den großen Kursschiffen rechnen und mit dem Katamaran. Schon gestern hatte ich den Radarreflektor an das Achterstag gebunden, was kann ich noch tun? Rettungsweste anlegen, den Rettungsring unangeleint auf das Achterdeck. Und, wichtig, den Peilkompass umhängen. Der schnelle Katamaran hat schon einmal ein Boot übergemangelt. Die Mannschaft hat die Kollision unbeschadet überlebt. Falls es mir ähnlich geht, kann ich zumindest versuchen, an Land zu schwimmen. Den Peilkompass könnte ich auf den Rettungsring legen und so die Richtung zum Ufer einhalten. Zudem blase ich ab und zu in das Nebelhorn, ansonsten ist alles um mich herum vollkommen still.

Nach einiger Zeit taucht das Leuchtfeuer Eichhorn vor mir auf, das sollte mein erster Wegepunkt sein, und ich liege genau auf Kurs. Von da an halte ich auf die Schweizer Seite zu. Dort könnte ich ja mit Sicht zum Ufer parallel dazu bis nach Altnau fahren. Nach zwei Stunden denke ich, ich sollte allmählich angekommen sein. Ich stehe auf und sehe angestrengt in den Nebel, aber dort bleibt alles in weißer Finsternis. Beim Blick in das Wasser allerdings erschrecke ich. Grün und klar liegt der Boden unter mir. Er erinnert mich an die Karibik. Würde jetzt ein Manta oder eine Meeresschildkröte vorbei schwimmen, wäre ich nicht erstaunt. Nur keine Krokodile! Aber es gibt genügend Grund zur Sorge, es sind nur noch wenige Zentimeter Wasser unter dem Kiel, jeden Moment muss ich aufsitzen. Ich drehe das Boot nach Norden, bis ich etwas mehr Tiefe erreiche, dann bleibe ich stehen. Vielleicht hätte ich mir doch mal so ein kleines hübsches Navigationsgerät zulegen sollen? Wo bin ich? Keine Ahnung! Ich forme meine Hände zu einem Schalltrichter und rufe laut „Haaaallooo“ in Richtung Ufer. Nach zwei Sekunden kommt mein Echo zurück. Keine Antwort. Noch mal „Haaaallooo“. Ich höre den Zug vorbeifahren, dann wieder Stille. „Hööört mich jemand?“ Dann eine Stimme vom Ufer „Haalloo“. „Woo biin ich?“ „Münsterlingen.“ „Daaanke“. Ich liege also richtig. Dann noch eine Frauenstimme „Brauchen Sie Hilfe?“ Ich zurück „alles gut, danke“.

Jetzt kann ich mich bei der Weiterfahrt am Boden orientieren. Ich bleibe immer auf geschätzt zwei Meter Wassertiefe und fahre ganz langsam weiter. Ein leichter Windhauch unterstützt den Küchenmixer am Heck. Ich erkenne schemenhaft die Umrisse der Boote am Bojenfeld vor Landschlacht. Dann nach einer weiteren Stunde höre ich Geräusche, wie wenn ein Kieslaster entleert wird. Bin ich etwa schon am Kieswerk Güttingen? Das kann nicht sein, ich hätte ja dann schon die Altnauer Seebrücke passiert, die weit in den See hineinragt. Aber ich sollte erst einmal abwarten und mich orientieren. Es wäre eigentlich wieder Zeit für einen Tee. Ich setze den Kocher auf und hole mein letztes Brötchen aus dem Korb. Wie das Wasser anfängt zu kochen, sehe ich plötzlich Masten aus dem Nebel herausragen. Ich muss also in Hafennähe sein! Dann geht es ganz schnell. Wie zu Zeiten der analogen Fotografie im Entwicklerbad in der Dunkelkammer wird das Bild vor mir immer klarer, bis ich erkennen kann: ich stehe zwanzig Meter neben der Altnauer Hafeneinfahrt! Was für ein Tag! Und mit einem Navi wäre er vielleicht total langweilig gewesen!

Text und Foto: Roland Dietrich, SUI 37

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